In einer kleinen Programmiererei

Auf dem Weg zum eBook-Camp gehen einem so manche Sachen durch den Kopf; Die Vorfreude auf das Wiedersehen mit den Kollegen – Die Aussicht darauf bequem mal wieder den Horizont erweitert zu bekommen, lässt die Gedanken abschweifen. Ich zum Beispiel denke gerade daran, als was ich eigentlich das Barcamp besuche. Also AKEP-Sekretär, klar, vielleicht noch als „hat was mit Verlag gemacht“, vielleicht als zukünftiger Verleger oder als Programmierer?

Und bei Programmierer ist mein Selbstbild-Rad stehengeblieben. Ich hatte unlängst einen unvermittelten Dialog zum Thema „Hardcore“-Programmierer, an dessen Ende ich mit der Erkenntnis meines Gegenüber konfrontiert wurde, dass ich das ja eher nicht sei so ein Hardcore-Programmierer. Ich nickte fleißig und in meinem Kopf beginnt sich gleichzeitig die Frage nagend festzusetzen: Bin ich ein „Hardcore“-Programmierer? Eine merkwürdige Wortkreation ohnehin, unbeholfen irgendwie, meint wahrscheinlich irgendwas mit „Professioneller“. Aber wir wissen alle was gemeint ist. So ein „richtiger“ Programmierer, so ein „echter“. Aber ab wann ist man das, ein Programmierer, so ein echter?

Bin ich das nicht? Ich habe in Perl programmiert, in VB in PHP, in Ruby, in Java spreche SQL, kann Auszeichnungssprachen, weiß, was ein Deployment ist, beschäftige mich in meiner knappen Freizeit mit theoretischer Informatik, hab das mal studiert und tue das wieder, habe mein erstes CMS – die Blueprint – vor 15 Jahren geschrieben (es läuft heute noch), habe Shop- und ERP-Software gecoded und während ich das hier schreibe, mache ich das auf meinem neuesten Baby, dem „Content-Garden“. Ich hab mal frei, mal angestellt gearbeitet, mal agil, mal im Wasserfall gestanden, habe Milestones erreicht oder gerissen, kann Projektpläne schreiben und Software-Architekturen formulieren, kann User-Cases in Klassenmodelle überführen, weiß was Software-Tests sind und bin trotzdem manchmal zu bequem. Vieles habe ich mir selbst beigebracht, manches hat man mir vorgemacht, vor die Füße gelegt. Bin ich ein Programmierer, ein echter? Vielleicht nicht, wenn ich im Hauptberuf Sachbearbeiter bin?

Mein Bruder, der mir aus solch verzwickten Erklärzwängen und Findungsstörungen stets den Weg weist, zögert keine Sekunde (offenbar hatte er auch schon einmal darüber nachgedacht) und formuliert auf die Frage, wann man ein Programmierer sei, treffsicher: „wenn Du etwas eingecheckt hast.“ Ich muss prusten. Halte das erst mal für einen Witz und er setzt nach: „deswegen checke ich nie was ein“. Ich beginne darüber nachzudenken. Und je länger ich darüber nachdenke, umso mehr komme ich zu der Überzeugung, dass dies wahrscheinlich die trennschärfste Definition ist, die ich finden werde.

Die Informatik kann meinethalben – gerade wenn dies schon der Betriebswirtschaftslehre zugesprochen wird – als Wissenschaft durchgehen, die Programmiererei ist es nicht. Wie die Alchemisten umgibt auch die Programmierer ein Nebel des Mysteriösen, Undurchschaubaren, Geheimnisvollen. Und so sehr jeder Programmierer versuchen wird, sich selbst, seine Arbeit, sein Werk, sein Schaffen zu strukturieren. Irgendwie scheint es später dem Erschaffer als ein halbseidener Gemischtwarenladen – das Entstehen einer Folge von Taschenspielertricks geschuldet, ermöglicht durch die gnadenvolle Unschärfe des umgebenden Nebels, der sich auf alles legt. Aber ich schweife ab, das wird ein separater Post, den ich „ingenieursmäßges Vorgehen“ nennen werde.

Wie die Chemie aus der Alchemie, wird vielleicht irgendwann mal die Matik aus der Informatik entstehen. Vielleicht aber auch die Infor. Das klingt mehr nach Daten und weniger nach Mathematik.

Ich schreibe ungern so Dinge wie „es ist typisch für unsere Branche“, aber es ist mein Blog, da redet mir keiner rein und in diesem Falle verwende ich es bewusst und lasse das mit der Branche einfach weg: Es ist typisch, dass die Menschen auf diese Taschenspielertricks hereinfallen (wollen). Für den Außenstehenden ist derjenige wahrscheinlich ein Hardcore-Programmierer, der sich richtig hardcore Nebel macht. Das sieht gut aus – am Ende macht es Puff. Aber wenn wir die Trickserei verstehen wollen, sehen wir den Nebel verschwinden (das Bild musste jetzt noch kommen, sonst wäre ich geplatzt) und was übrig bleibt, ist ein Handwerk. Eines mit verschiedenen Gewerken. Und jeder Programmierer ist so mehr oder weniger Geselle oder Meister in seinem Fach. Es ist irgendwie unsinnig um den Zauberberg herumzutanzen und nach dem Vater aller Schamenen zu forschen. Die Programmiererei ist auf dem Weg, sie ist dynamisch, sonst wären wir es nicht. Da wird viel ausprobiert, was gewagt, manchmal gewonnen. Es ist irgendwie ein Zockerei. Auch ein Katz und Maus -Spiel. Man kann es gut machen, einigermaßen nachhaltig, man kann es einfach mal flicken und hoffen das keiner drauf kommt (es kommt immer ein drauf). Es ist was es ist.

Wir fahren in den Hamburger Hauptbahnhof ein, gleicht kommt Dammtor, da muss ich raus. Auf den Ohren habe ich Funny von Dannen mit den Freunden der Realität. Er hat recht. Ein bisschen Realitätsverlust brauchen wir alle. Ich freue mich auf das Camp und weiß jetzt, als was ich dort erscheine.

Ich bin fast vierzig, habe Familie, bin Sachbearbeiter – und Programmierer, vielleicht sogar ein ganz okayer. Mein Bruder übrigens auch, obwohl er nie was eincheckt.

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