@3imsinn
digital developer on his arithmetic machine
Dienstag, 20 Mai, 2014

Der eBook Irrtum – oder wie ich lernte den Überlick zu behalten

Der eBook Markt etabliert sich. Kaum jemand wird diesem Satz widersprechen. Neue Marktteilnehmer machen relevante Umsätze, für die Verlage rechnet sich auch der Verkauf digitaler (oder sollen wir sagen digitalisierter) Bücher und die neuesten Zahlen unserer letztmalig durchgeführten eBook Studie belegen zweifelsfrei, dass wir es mit einem nicht mehr sehr aggressiv wachsenden, aber konstituierten Marktumfeld zu tun haben. Zeit für eine Verschnaufpause. Alles richtig gemacht.

Von Haus aus mit wenig Optimismus ausgestattet, bin ich da eher skeptisch. Noch bis vor wenigen Jahren war das Thema eBook im Gesamtkosmos des Digital Publishing ein Nischenthema. Fehlende Lesegeräte einerseits und wachsende Anforderungen bei institutionellen und professionellen Zielgruppen andererseits, ließen die Anforderung an die Content-Anlieferung in bestimmten Marktsegmenten stark ansteigen. Die ersten Unternehmen begannen ihre Inhalte in Software zu verpacken oder Lizenzen für Zugriffe auf Ihre Datenbanken zu verkaufen. Damals noch utopisch hoch klingende Umsatzanteile wurden innerhalb weniger Jahre übertroffen.

2011 eröffnete Springer CEO Derk Haank das Branchentreffen der Wissenschaftsverlage in Deutschland, die Academic Publishing in Europe mit der Versicherng (ich zitiere sinngemäß): das digitale Geschäft ist bewältigt, nach Jahren des unsicheren Herantasten sichert der „Big Deal“ solide Entwicklungen im Verlag.

Auf die Frage aus dem Publikum nach der Relevanz von Büchern (gemeint war print) für sein Unternehmen antworte er, das Missverständnis offensichtlich nicht erahnend (sinngemäß), dass eBooks sicher eine Rolle spiele, aber das hätte eher etwas mit Autorenpflege und Markenführung zu tun als mit Marktrelevanz.

Als das Unbehagen über den eBook-Irrtum erstmalig in mir aufstieg, musste ich genau an diese Szene denken. Ein Pionier im Digital Publishing, der das eBook als Hommage an die Tradition des Hauses versteht und nicht als leading edge des technologischen Veränderungsprozesses.

Wenn ich nun die sicher notwendigen und wichtigen Diskussionen rund um das eBook der letzten 3 Jahre Revue passieren lasse, dann stelle ich mir die Frage ob wir uns nicht in eine Sackgasse hineinpalavert haben. Vor dem Durchbruch des eBooks in Deutschland – den viele Marktteilnehmer massiv unterstützt und vorangetrieben haben, und dessen Postulat die Wogen der Erleichterung durch die Denkstuben blies – war der Fokus auf unser Arbeitsfeld „Digital Publishing“ weiter – der Geist wach und offen. Mit dem Donnerschlag der Relevanz fokussieren wir stärker. Diejenigen deren Transformationsprozess erst begonnen hat, drohen beim eBook stehen zu bleiben. Was wir aber eigentlich benötigen, ist eine Bereitschaft das Digitale zuzulassen über die Grenzen des Content Containers hinaus.

Gerrit Pohl, Plattform Evangelist bei Microsoft, mit dem ich über seine Keynote bei den AKEP-Buchtagen am 4. Juni gesprochen habe, nannte das die "Notwendigkeit eine technologische DNA zu entwickeln". Ein Prozess aus dem sich heute kein Unternehmen und schon gar nicht ein Verlag herausstehlen kann – erst recht nicht, wenn wir über die IT-DNA sprechen, die das ganze noch einmal enger fasst.

Was er damit meint, wird er bei seiner Keynote ausführen, was es bedeutet ist sicher klar:
Die Technologie ist nicht nur ein Implantat, das ein Unternehmen annehmen oder abstoßen kann, sie muss in den Unternehmenskulturen fest verankert und ebenso Bestandteil sein, wie die Ausrichtung auf Gewinn und Marktanteile. Oder kurz gesagt: Ohne Daten, kein Umsatz, ohne Technologie kein Produkt.

Wer heute erfolgreich Produkte, Waren und Dienstleistungen entwirft, der denkt immer auch technologisch – und sei es nur, um Kosten zu sparen.

Wenn wir diesen Ansatz zulassen, dann müssen wir daraus zwangsläufig folgern, dass es nicht reicht, beim eBook stehen zu bleiben, dann müssen wir die Fokussierung auf den Content Container als Rückschritt begreifen und dann brauchen wir (mehr) Übersicht.

Ich fahre 30.000 km im Jahr mit der Bahn. Natürlich sehe ich viele Leser mit einem eReader, natürlich sehe ich viele Leser mit Zeitungen, Zeitschriften und Büchern. Aber was ich am häufigsten sehe, sind Menschen, die (ausdauernd) auf Mobiles und Rechner starren.

Wir werden die Produktdiversifikation nicht aufhalten. Wer glaubt, dass es reichen wird, ein Buch in ein eBook zu verwandeln, der irrt. Die Entwicklungszyklen werden kürzer, selbst das uns umgebende Mobilfunknetz (und damit eine der wichtigsten Infrastruktur im Land) ist nicht mehr die gleiche wie in den Nuller-Jahren. Wir sollten erst gar nicht versuchen zu ergründen, wie es in 10 Jahren aussieht. Aber wir müssen damit beginnen, die technologische Entwicklung jetzt zu verstehen, um die richtigen Produkte zur richtigen Zeit, am richtigen Ort, an die richtigen Kunden weiterreichen zu können.

Wenn wir ehrlich sind, wird uns bei solchen Gedanken ganz mulmig. Was soll es bedeuten, den gerade erst gewonnen eBook-Boden zu verlassen, um sich in vage Zukunftsprojekte zu stürzen? Ich denke: Vor allem mehr Risiko. Leider ist mit denen, die das Risiko eingehen, nicht automatisch auch das Glück. Bleibt uns nur noch die Hoffnung, dass es mit den Tüchtigen ist und wir nicht dem eBook-Irrtum aufsitzen.